Narben Integration

Können Narben Rückenschmerzen auslösen?

 

Ja und nein, denn gerade bei anhaltenden Rückenschmerzen gibt es selten nur die eine Ursache. Viel eher erhält unser Gehirn aus dem Körper und unserer Umwelt eine Vielzahl von Informationen – wie einzelne bunte Steinchen – die es dann zu einem komplexen Mosaik zusammensetzt. Dieses wird fortlaufend bewertet und das Ergebnis entscheidet darüber, ob Schmerz als eine Schutzreaktion entsteht.

Um der Frage also gerecht zu werden, müssen wir uns gemeinsam auf Spurensuche begeben:

    • Welche persönlichen Erfahrungen machen wir?
    • Welche Erklährungsmodelle könnten wir davon herleiten?
    • Was ist zum jetzigen Zeitpunkt wissenschaftlich tatsächlich untermauert?

Dazu ein Beispiel aus der eigenen Praxis

Einer meiner ersten Klienten war ein Mann mittleren Alters. Er kam zu mir, weil er seit Längerem Schmerzen im unteren Rücken mit unbekannter Ursache hatte. In unserer ersten gemeinsamen Sitzung arbeiteten wir an der Aufrichtung der Brustwirbelsäule und der Atmung. Im Laufe des nächsten Tages verschlimmerten sich seine Beschwerden jedoch, und so bat ich ihn am Abend noch einmal zu mir.

Bei der Befundung fiel sie mir schließlich auf –
die feine weiße Linie ungefähr auf Höhe des Bauchnabels.

Was war das? Ich legte vorsichtig meine Finger auf die Narbe und es fühlte sich an, als hätte ich sie in Treibsand gelegt. Eine Art Sogwirkung die weit in die Tiefe zu reichen schien. Mein Klient erzählte mir währenddessen sehr anschaulich von der spektakulären Entstehungsgeschichte. Er war als Jugendlicher in eine Messerstecherei geraten.

Schon nach kurzer Zeit nahm ich wahr, wie das Gewebe unter meinen Fingern warm wurde und sich scheinbar ausdehnte. Dies deckte sich mit den Empfindungen meines Patienten und als er von der Liege aufstand, konnte er den akuten Schmerz tatsächlich nicht mehr wahrnehmen.

Er ging sogar so weit zu sagen:
„Jetzt weiß ich, was die Ursache für meine Rückenprobleme war?“

Die Gewissheit, die er in diesem Satz zum Ausdruck brachte, überraschte mich– wie konnte er sich so sicher sein?

Ähnliche Zusammenhänge begegneten mir in den nächsten 20 Jahren immer wieder. Blinddarmnarben, Unterleibsoperationen aber auch längst verheilte Dammrisse, die scheinbar zu Rückenschmerzen führten. Fast immer bemerkten die Klienten eine Verbindung, sobald ich anfing an der Narbe zu arbeiten: „Ja, das spür ich jetzt genau an der Stelle im Rücken, wo ich immer Schmerzen habe!“

War wirklich die Narbe die Ursache?

Ob die Veränderung unmittelbar durch die Behandlung der Narbe, durch neurophysiologische Prozesse oder durch mehrere gleichzeitig wirkenden Faktoren zustande kam, kann ich an dieser Stelle natürlich nicht beantworten.

Aus Fallbeispielen kann keine allgemeine Gültigkeit hergeleitet werden. Dennoch können sie uns Hinweise und Ideen liefern, denn eine gute Beobachtungsgabe ist eines der wichtigsten Werkzeuge in der therapeutischen Arbeit.

Nur wenn wir genau hinhören, hinschauen und fühlen, erschließt sich uns nach und nach was im Einzelfall relevant ist.

Ein mögliches Hypothesenmodell

Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, dass eine manuelle Technik an einer ganz anderen Stelle des Körpers ihre Wirkung zeigen kann. Genau das mache ich mir in meiner Arbeit gerne zunutze.

Hierzu ein Gedankenexperiment:

Nehmen wir an, eine tief in das Bauchgewebe reichende Narbe beeinflusst die Spannungsverhältnisse im Rumpf. Welche Auswirkungen könnte sie theoretisch auf den Körper haben?

    • Narbengewebe weist häufig nicht die gleiche Elastizität und Verschiebbarkeit wie das ursprüngliche Gewebe auf.
    • Vielleicht schmerzt die Narbe auch und wir versuchen sie unterbewusst zu entlasten, indem wir unsere Körperhaltung verändern.
    • Mit der Zeit passen wir auch unsere Bewegungsabläufe an die neuen Spannungsverhältnisse an. Eventuell ist die Streckung in der Hüfte eingeschränkt und unser Gangbild verändert sich. Oder wir können die Arme nicht mehr so leicht wie früher nach oben strecken.
    • Unsere Atmung kann sich ebenfalls verändert. Sie ist flacher geworden, die Dynamik des Zwerchfells hat abgenommen oder sie hat sich den neuen statischen Gegebenheiten angepasst.
    • Und schließlich ist da noch das leichte Taubheitsgefühl im Bereich der Narbe, das unsere Wahrnehmung beeinträchtigt.
    • Dadurch fällt es uns möglicherweise schwerer, die Bauchmuskulatur gezielt und differenziert anzusteuern. Dies wiederum beeinträchtigt die Stabilität des Rumpfes negativ.

All das ist nichts, was uns auf den ersten Blick im Alltag stark beeinträchtigt, und mit der Zeit gewöhnen wir uns daran und irgendwann fällt es uns gar nicht mehr auf.

Unserem Rücken aber unter Umständen schon, denn er wird durch diese schleichenden Veränderungen mehr und mehr belastet und beginnt zu schmerzen. Eine rein symptomatische Behandlung allein scheint in diesem Kontext nicht zielführend.

Was aber, wenn wir zunächst die hypothetische Ursache – sprich Narbe – behandeln um anschließend das komplexe Spannungssystem im Rumpf durch passive und aktive Maßnahmen zu unterstützen? So könnten wir doch dem kompensatorischen Bewegungsmuster die Grundlage entziehen? In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass diese Herangehensweise hilfreich sein kann.

Was wissen wir heute – und was bleibt noch offen?

Die wissenschaftliche Literatur beschreibt mehrere biologisch plausible Mechanismen, über die Narben zu Beschwerden beitragen könnten. Erste klinische Studien liefern Hinweise darauf, dass eine Behandlung von Narben positive Effekte haben kann. Die bisherige Evidenz reicht jedoch noch nicht aus, um die beobachteten Effekte eindeutig einzuordnen.

Gut belegt ist hingegen, dass sich Narbengewebe in seinen mechanischen und neurobiologischen Eigenschaften von unverletztem Gewebe unterscheidet. Auch lokale Schmerzen oder eine erhöhte Empfindlichkeit im Bereich von Narben sind gut beschrieben.

Lücken ergeben sich durch die fehlende direkte Kausalkette und die unklare Einordnung der beteiligten Mechanismen. Schmerz wird heute im Rahmen des biopsychosozialen Modells betrachtet. Welche Bedeutung die einzelnen Faktoren haben, lässt sich jedoch meist nicht eindeutig bestimmen.

Zwar gibt es stärkere Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen postoperativen Adhäsionen (Verwachsungen) und Beschwerden im Bauch- und Beckenbereich, allerdings ist ein entsprechender Bezug zu spezifischen Rückenschmerzen bislang nicht ausreichend belegt.

Verursacht jede Narbe Beschwerden?

Nicht unbedingt, denn selbst wenn sie einen Einfluss hat, kommt es darauf an wie gut andere Faktoren ausgleichend einwirken. Ist der Körper noch in der Lage zu kompensieren, oder ist diese Fähigkeit bereits ausgereizt? Deshalb trifft man auch durchaus auf Menschen, die trotz Verwachsungen im Bauchbereich symptomfrei sind.

Fazit

Wir sehen also, wir müssen vorsichtig mit voreiligen Rückschlüssen sein. In den meisten Fällen können wir nicht vorhersehen, was genau zu den Veränderungen im Körper beigetragen hat.

Dennoch ist in meinen Augen die Behandlung von Narben und narbenartigen Veränderungen im Bauchraum, die übrigens auch durch Entzündungen entstehen können, ein wichtiger Teil eines gut überlegten und individuell abgestimmten Behandlungsplans. Dieser beinhaltet unter anderem integrative Arbeit in anderen Körperbereichen sowie Bewegung und Körperwahrnehmung.

Die Narbe ist dabei ein weiterer Mosaikstein, der das Bild vervollständigt.

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